Logistic Inside 28.02.2003
Von Behrend Oldenburg
 
 
Der Hafen im Web

Ob Internet oder Electronic Data Interchange: Moderne Informationstechnologie gehört heute zum Alltag in den Seehäfen. Vor allem die Verlader profitieren davon.


Am 1. Juli 1983 übermittelte die Hamburger Spedition Rohde & Liesenfeld elektronisch die ersten Schiffszetteldaten über das Datenkommunikationssystem "Dakosy" an die Hamburger Hafen- und Lagerhaus-AG (HHLA) - und löste damit eine stille Revolution aus: Zu diesem Zeitpunkt waren erst sechs Spediteure und zwei Kaiumschlagbetriebe in Deutschlands größtem Seehafen miteinander vernetzt. Heute sind es nach Angaben von Dakosy-Pressesprecherin Katrin Woywod über 800 Unternehmen und Institutionen aus der Transportwirtschaft, die über die Dakosy AG ihre Daten austauschen.

Woywod: "Unsere Kunden nutzen Electronic Data Interchange (EDI), das Internet oder setzen auf Application Service Providing (ASP)." Vor allem in die Webeinbindung habe man viel Arbeit investiert: "Fast alle unsere Anwendungen können mittlerweile über unser Portal unter www.port-direct.de auch im Internet genutzt werden." Für den Dakosy-Vorstandsvorsitzenden Volkhard Erdelbrock liegt das Geschäftsziel mittlerweile in der "breiten logistischen Ausrichtung für viele Bereiche des Güterverkehrs, nicht mehr nur für den Hafen." Hier hat das Unternehmen nämlich schon lange seine Wachstumsgrenze erreicht: Nahezu 100 Prozent des über den Hamburger Hafen laufenden Datenvolumens werden elektronisch über das Dakosy-Rechenzentrum abgewickelt. Die Speditions-, Gefahrgut-, Zoll- und Bahnanwendungen werden zunehmend nicht nur im deutschen Hinterland, sondern auch im Ausland genutzt. Seit kurzem bietet Dakosy seinen Kunden eine zusätzliche IT-Lösung, um vor allem die maritimen Waren- und Datenströme weiter zu vereinfachen: Über die Dakosy-Schnitstelle "Unibook" zur internationalen Buchungsplattform "Inttra" können die bei Dakosy angeschlossenen Spediteure und Verlader ihre Container online direkt bei den jeweiligen Reedereien buchen. Inttra unterstützt die Spediteure oder Verlader nicht nur kostenlos bei der Containerbuchung über das Internet, sondern auch bei der Sendungsverfolgung, dem papierlosen Dokumentenaustausch oder Anfragen nach Seefrachtraten.

Inttra erfasst heute bereits rund 50 Prozent der Seecontainer weltweit

Schnell habe sich Inttra mit Hauptsitz in Parsippany, New Jersey/USA, nach dem Start im April 2000 zum Marktführer entwickelt, erklärt der für Europa, den Mittleren Osten und Afrika verantwortliche General Manager Henrik Dam Larsen: "Schon heute erreichen wir mit Inttra rund 50 Prozent der weltweiten. Seecontainertonnage, und es soll noch mehr werden." Neben über einem Dutzend großer Container-schiffsreedereien haben sich nach Angaben Larsens bereits über 100 weltweit aktive Speditionen in das Inttra-Netz eingeklinkt. "Inttra wird von Verladern und Spediteuren gleich aus mehreren Gründen genutzt", erläutert Larsen: "Sie wollen ihren Arbeitsfluss vereinfachen und beschleunigen. Dafür haben wir feste Eingabemasken entwickelt, in denen nur jeweils wenige Informationen verändert werden müssen. So ist eine Buchungsanfrage oft in nur einer Minute erstellt, schon wenig später kann die Reederei die Buchung bestätigen." Verladern und Spediteuren gleichermaßen biete das System zudem eine durchgängige Tracking- und Tracing-Möglichkeit - übrigens nicht nur über das Internet, sondern auch über bereits bestehende EDI-Verbindungen.

Vom Inttra-Start an ist auch Kühne & Nagel mit an Bord, im Juli 2001 wurde der Logistikdienstleister offizieller Shareholder. "Das räumt uns ein Mitspracherecht hinsichtlich künftiger Entwicklungen ein", erläuten Kühne & Nagel-Prokurist Joachim Wohlers vom Geschäftsbereich Corporate Seafreight Operations. "Unsere mittleren und großen Kunden arbeiten häufig mit verschiedenen Dienstleistern zusammen, das Portal bietet allen Partnern die Möglichkeit, über einen einzigen Point of Entry die Containerbuchungen abzuwickeln. Das führt zu erhöhter Effizienz und zur Vereinfachung der Prozesse bei den Kunden."

Das Portal bietet Sendungsverfolgung bis auf Artikelebene

Zusätzlich verfügt Kühne & Nagel über ein eigenes Portal auf der Homepage. "Über ein persönliches Passwort erhalten unsere Kunden volle Transparenz bezüglich ihrer Transportabläufe, künftig werden sie auch hier elektronisch buchen und die Dokumentenabwicklung vornehmen können. Dabei erlaubt das neue Order Management System (OMS) den Kunden eine Sendungsverfolgung bis auf Artikelebene", erklärt Wohlers.

Als Informationsquelle, Transaktionsplattform, aber auch als Preisfindungstool hat sich das Internet in der Seeverkehrswirtschaft etabliert: So ist seit Mai 2000 der Global Market Place, kurz GloMaP, in Hamburg am Netz. "Unsere Idee war es, ein Produkt bereitzustellen, das Verladern unabhängig von Ort und Zeit erlaubt, ihren Seetransportbedarf schnell und effizient einer größtmöglichen Zahl von Transportdienstleistern bekannt zu geben", erläutert GloMaP-Vorstand Markus Giesenkirchen. "In einem dynamischen Preisfindungsprozess können die Verlader dann eine Auswahl geeigneter und preisattraktiver Transportpartner finden." Die GloMaP-Frachtenbörse ist für Seeverkehre eingerichtet, erlaubt aber auch die Darstellung von Vor- und Nachläufen.

Die klassische Seefrachtenbörse via Internet ist mittlerweile jedoch nur noch ein Geschäftsbereich der GloMaP AG. Giesenkirchen: "In der Vergangenheit haben uns verstärkt Mittelständler und Großverlader nach Lösungen für individuelle Anwendungen gefragt, die zusätzliche Kriterien erfüllen." GloMaP entwickelte daraufhin so genannte Closed und Permanent Tender: internetbasierte und speziell auf die Kundenbedürfnisse abgestimmte Ausschreibungsplattformen. Mit ihnen sollen ausgewählte Spediteure und Logistikunternehmen gezielt angesprochen werden. Giesenkirchen: "Wir richten unseren Kunden eine eigene Frachtenplattform mit einer eigenen Internetadresse ein, die genau ihren Vorstellungen entspricht und an ihr Logistiksystem angepasst ist."

Auch der Hamburger Otto Versand, übrigens einer der wichtigsten Kunden des Hamburger Hafens vor allem bei Importcontainern, hat sich für diese Art der Frachtausschreibungen entschieden und GloMaP mit der Erstellung einer eigenen Frachtenplattform beauftragt.

Otto will große Transportvolumen nicht offen ausschreiben

Aufgrund der großen Frachtvolumen, die das Versandhaus an Transportunternehmen zu vergeben hat, sei eine Ausschreibung über eine offene Frachtenbörse nicht geeignet, so Giesenkirchen. Otto möchte in einem geschlossenen Bereich als Ausschreiber auftreten. Sicherheit sei daher oberstes Gebot, so der Vorstand. Mit dem Closed Tender werde nur eine begrenzte Zahl an Transportunternehmen angesprochen, die sich bereits für Otto als Dienstleister bewährt hätten. Nach Ende der Ausschreibungsfrist ist der Einsatz der Plattform vorerst auch beendet, bei GloMaP geht die Arbeit dann jedoch erst richtig los: Die Mitarbeiter erstellen eine Analyse der Angebote, die einerseits das reine Ergebnis beinhaltet, andererseits aber auch mehrere Szenarien durchspielt, bei denen die unterschiedlichen Angebote der Spediteure miteinander verbunden werden.

Zunächst nutzte der Otto Versand den Closed Tender nur für See- und Luftfrachtausschreibungen, mittlerweile auch für Landtransporte. "Wesentlich stärker erfolgt die Nutzung der Plattform mittlerweile aber als Permanent Tender", hat Giesenkirchen festgestellt: "Hier werden die prompt anfallenden Transporte dargestellt und automatisch an die angeschlossenen Dienstleister übermittelt - nach oft nur wenigen Stunden wird der Auftrag erteilt."

Über die genauen Kosten für Entwicklung und Implementierung der Frachtenplattform sowie für die Auswertung der Ausschreibung schweigt Giesenkirchen. Nur so viel verrät der GloMaP-Vorstand: Entweder wird eine Kommission auf Basis der Frachtabschlüsse verlangt oder eine Verladerpauschale berechnet.

Viele der GloMaP-Kunden, darunter der Konsumgüterhersteller Beiersdorf oder der Motorsägenhersteller Stihl, nutzen nach Auskunft Giesenkirchens heute vor allem diesen Permanent Tender von GloMaP. Dazu gehöre auch eine voll schnittstellenfähige Software, die komplett an das jeweilige Inhousesystem der Verlader gekoppelt werden könne.