|
Fahrt
aufnehmen
In der Frachtschifffahrt geht ohne Online-Marktplätze
und digitale Kommunikation bald nichts mehr. Auch die Logistiker an Land sind
mit ihren Kollegen auf See vernetzt - die Einsparungen sind gewaltig.
Hamburgs Reeder machen keine großen Worte. Auch Ottmar Gast von
der Reederei Hamburg Süd verkörpert in der Regel die hanseatische
Zurückhaltung. Wenn der stellvertretende Sprecher der
Geschäftsführung also mit Blick auf E-Business in der weltweiten
Logistik von "Einsparungen im mehrstelligen Millionenbereich" redet, hat das
nichts mit Euphorie zu tun. Im Gegenteil: Die Hanseaten haben nüchtern
abgewogen, bevor sie sich am bisher umfangreichsten Portal für die
Containerschifffahrt beteiligt haben. Inttra heißt die Plattform, die
Anfang des Jahres gegründet wurde und über die Reedereien und Kunden
seit kurzer Zeit Logistikdaten online austauschen. Hinter dem in New Jersey
angesiedelten Portal für Linienverkehre stecken große Namen: Neben
Hamburg Süd sind Hapag-Lloyd, die dänische Maersk Sealand, P & O
Nedlloyd, CMA CGM und die MSC Mediterranean Shipping beteiligt.
Sie alle
verdienen ihr Geld mit dem Verschiffen von Containern - der Markt ist hart, die
Margen sind niedrig. Sie könnten größer ausfallen, wenn es
gelänge, die Auftragsabwicklungskosten von bis zu 150 US-$ pro Buchung zu
senken. Die Preise sind wegen des Marktdrucks oft kaum zu verhandeln - nur wer
Kosten drückt, kann größere Gewinne machen. Genau dabei soll
das Portal helfen. "Wenn man sich vor Augen führt, dass die Reedereien,
die bei Inttra mitmachen, allein mehr als 10 Millionen Container transportieren
und davon auch nur ein Drittel über das Portal abgewickelt werden
könnte, würden erhebliche Millionenbeträge eingespart", sagt
Hamburg-Süd-Mann Gast.
Inttra arbeitet zweigleisig: Über das
Internet können sich Kunden dort einloggen, Fahrpläne der
Containerlinien studieren, Aufträge ausschreiben und annehmen. Verlader
und Reedereien können sich dort aber auch über elektronische
Schnittstellen für den Austausch von Daten (EDI) enger mit Handelspartnern
vernetzen. So können sie Frachtdaten oder den Stand der Aufträge
direkt in Auftragsabwicklungs- oder Produktplanungssysteme einbuchen. Das
Frachtvolumen der Plattformbetreiber deckt mehr als ein Drittel des gesamten
Seehandelsvolumens der Linien ab. Auf einigen Strecken haben die Investoren de
facto ein Monopol. Folglich ist das Kundeninteresse groß: Danzas,
Schenker, Kuehne & Nagel - die großen deutschen Logistiker auf dem
Festland sind alle über die Plattform an den Seefrachtverkehr angebunden.
Das Engagement der großen Reedereien für ein Online-System
markiert einen Paradigmenwechsel in ihrem Geschäft. Traditionen und
persönliche Kontakte prägen es, Technik wurde bisher in erster Linie
für interne Netze eingesetzt. 100 Mill. DM steckt etwa Hapag Lloyd,
Deutschlands größte Reederei, Jahr für Jahr in die eigenen
IT-Lösungen wie "Scout", ein internet-basiertes System, um leere Container
zu orten und nachzuverfolgen. Mit Plattformen wie Inttra oder Cargosmart, ein
Konkurrenz-Projekt der Orient Overseas Container Line aus Hong Kong, versuchen
die Linienschiffer erstmals, ihre Kosten durch die Öffnung ihrer Systeme
nach außen zu senken.
Weniger gute Karten haben unabhängige
Web-Unternehmer, die versuchen, mit Frachtbörsen im Charterbereich Umsatz
zu machen: Der größte US-Anbieter, Go Cargo, ist pleite. Nicht
anders erging es der spanischen Pormar und Cargobiz, einem Startup, das in
Hamburg sein Glück versuchte. Nicht nur wegen der fehlenden Umsätze
aus der großen Linienschifffahrt sind die Makler in schwere See geraten.
Viele schafften es auch nicht, genug Interesse unter kleineren Reedereien zu
wecken, obwohl gerade die Bedarfsschifffahrt für die schnelle Vermittlung
über das Netz geeignet scheint. "Es gibt aber so viele Sonderfälle,
die elektronisch schwer abbildbar sind - Gefahrengüter oder
Spezialformate", sagt Klaus Bültjer, Chef des Zentralverbands deutscher
Schiffsmakler. "Und vieles muss heute einfach von Angesicht zu Angesicht
geregelt werden."
Mit Technologiefeindlichkeit habe das nichts zu tun,
findet Thomas Harmsdorf, Gesellschafter der Reederei Alnwick Harmstorf &
Co. aus Hamburg: "Auch bei uns gilt: Wer nicht im Internet ist, den gibt es
nicht. Über Geschäftspartner, mit denen wir verhandeln, informieren
wir uns über das Internet und die machen es genau so."
Auch bei der
Ersatzteilbestellung setzen bereits etliche Reedereien auf
Internet-Marktplätze wie die gerade fusionierten Teileanbieter Shipserv
und Seavantage. Beim traditionellen Kontrakten oder Chartern für die
Schiffe arbeitet die Branche in der Regel aber noch nach altem Muster zusammen.
Harmsdorf: "Man macht Geschäfte mit Leuten auf der anderen Seiten der
Erde. Mal sind Waren beschädigt oder liegen im Zoll fest, und Sie
können nicht hin. Darum brauchen sie Menschen, denen sie
vertrauen."
Dem Startup GloMaP aus Hamburg ist das Lavieren zwischen den
Traditionen einigermaßen gelungen. Bisher haben sich rund 7 000 Kunden
registrieren lassen. Nur ein Bruchteil von ihnen handelt wirklich über die
Plattform, jedoch: Die gehandelten Volumina können sich sehen lassen. 4
000 Frachten über zusammen 306 Mill. wurden seit Juni 2000
ausgeschrieben. Hinzu gekommen ist eine geschlossene Plattform, auf der
langfristige Kontrakte verhandelt werden können. "Es hat sich gezeigt,
dass die Großverlader, die Jahres- und Quartalsverträge vergeben,
mit Mengen handeln, für die eine offene Plattform nicht geeignet ist",
erklärt Vorstand Markus Giesenkirchen. "Viele sagen: Wir wollen
elektronisch mit unsere Bekannten arbeiten, ohne das Risiko einzugehen,
über das anonyme Netz unzuverlässige Partner an Bord zu holen." Unter
anderem setzt der Otto Versand auf das System, um seine See-Transporte zu
organisieren.
Außerdem arbeitet GloMaP mittlerweile als
Software-Anbieter und macht damit Unternehmen wie der börsennotierten
Softship AG aus Hamburg Konkurrenz, die seit 1989 Standardlösungen
für Logistik im Schifffahrtswesen verkauft. Indes kommt GloMaP um eine
neue Finanzierungsrunde nicht herum: "Wir verhandeln, damit aus dem
Pflänzchen ein Baum werden kann." |